Sprachheilpädagogik.de Foren

Aktuelle Zeit: Mi Nov 21, 2018 6:01 am

Alle Zeiten sind UTC + 1 Stunde




Ein neues Thema erstellen Auf das Thema antworten  [ 2 Beiträge ] 
Autor Nachricht
BeitragVerfasst: Fr Mär 20, 2015 11:08 am 
Offline

Registriert: Di Mär 25, 2014 10:14 pm
Beiträge: 8
Hallo an alle wissenschaftlich Interessierten!

Im Jahr 1996 ist die erste Untersuchung der Gehirne von Stotterern mit bildgebenden Verfahren veröffentlicht worden – von Peter Fox, einem Pionier auf diesem Gebiet. Seit dem sind viele weitere solcher Studien erschienen, zunächst wurde PET, später fMRT eingesetzt. Die Resultate waren teils übereinstimmend, teils aber auch widersprüchlich. Es stellt sich deshalb die Frage: Welche der festgestellten Abweichungen der Hirnaktivität vom Normalen sind wirklich typisch und charakteristisch für Stottern bzw. Stotterer, und welche sind eher zufällig und resultieren vielleicht aus der Zusammensetzung der Probanden-Gruppen oder dem Experimentdesign?

Eine Möglichkeit, diese Frage zu klären, bietet die Meta-Analyse, also das systematische Vergleichen der Resultate mehrerer Einzelstudien mit Hilfe statistischer Verfahren. Die erste Meta-Analyse der Stotter-Hirn-Bildgebungs-Studien wurde von Steven Brown und Kollegen (u.a. Roger Ingham und Peter Fox) im Jahr 2005 veröffentlicht. Damals wurden die Resultate von 8 Einzelstudien einbezogen. Das Resultat war eine 'neurale Signatur des Stotterns' mit den Merkmalen:
    (1) Überaktivierung des rechten frontalen Operculums und der Insula,
    (2) fehlende Aktivierung in auditiven Arealen auf beiden Hirnhälften,
    (3) Überaktivierung im Kleinhirn
(vergl. Brown et al., 2005, S. 112) . Man beachte: Die einzige Hirnregion, die bei den Stotterern während des Sprechens zu gering aktiviert war, waren die auditiven Areale – also jene, die für das Hören und für das Verstehen von Sprache verantwortlich sind.

Im November des letzten Jahres, also fast zehn Jahre nach der ersten, ist nun eine zweite Meta-Analyse zum gleichen Thema erschienen:

Kristin Budde, Daniel Barron und Peter Fox:

Stuttering, induced fluency, and natural fluency: A hierarchical series of activation likelihood estimation meta-analyses.


(Übersetzungsversuch: Stottern, induzierte und natürliche Sprechflüssigkeit: Eine stufenweise Folge von Meta-Analysen zur Einschätzung der Aktivierungs-Wahrscheinlichkeit)

Diesmal wurden 17 Einzelstudien einbezogen. Was ist dabei Neues herausgekommen? Zunächst einmal wurden die Resultate der ersten Meta-Analyse klar bestätigt. Zwei neue Merkmale kommen allerdings zur 'neuralen Signatur des Stotterns' hinzu: Die Überaktivierung des supplementären motorischen Areals (SMA) und die Minderaktivierung des Nucleus ruber (des 'roten Kerns'). Das folgende Diagramm zeigt alle relevanten Regionen:

Dateianhang:
Budde2014_Stotterer-Nichtstotterer.gif
Budde2014_Stotterer-Nichtstotterer.gif [ 16.09 KiB | 7638-mal betrachtet ]

Rot = Hirnregionen, die bei den Stotterern typischerweise stärker aktiviert waren als bei den Nichtstotterern
Blau = Regionen, die bei den Nichtstotterern typischerweise stärker aktiviert waren als bei den Stotterern.
links von Null = linke Hirnhälfte; rechts von Null = rechte Hirnhälfte

Die blau gekennzeichneten Regionen sind also diejenigen, in denen bei den Stotterern zu wenig Aktivität war. Es handelt sich nur um zwei Areale: die linke mittlere Temporalwindung (verantwortlich für das Erkennen und Verstehen der Wörter) und um den Nucleus ruber, den roten Kern (red nucleus). Dieser Kern (im Mittelhirn) ist gewissermaßen ein Relikt der Evolution: Bei primitiveren Wirbeltieren (ohne Kortikospinaltrakt) steuert er die Fortbewegung (den Gang). Bei menschlichen Babys steuert der rote Kern die Krabbelbewegungen, und bei erwachsenen Menschen immerhin noch das unwillkürliche Mitbewegen der Arme beim Gehen.

Der rote Kern hat also offensichtlich mit sehr automatischen, unwillkürlichen, unbewussten Bewegungsanteilen zu tun. Man hat eine funktionelle Verknüpfung zwischen ihm und dem Temporallappen, also den Hörregionen, gefunden. Möglicherweise – das ist nur eine Spekulation von mir – steuert der rote Kern auch das unwillkürliche Mitbewegen der Arme beim Sprechen, also das Begleiten der Sprache durch Gesten. Nichtstotterer, zumal gute Redner, tun das oft ganz unwillkürlich, und Stotterern kann es, wenn sie es bewusst tun, dabei helfen, flüssiger zu sprechen (erinnert sei an die liegende Acht).

So viel zu den Regionen, die im obigen Diagramm blau markiert sind.Alle im obigen Diagramm rot markierten, von Stotterern also typischerweise überaktivierten Hirnregionen haben mit Sprechplanung und/oder motorischer Sprechsteuerung zu tun. Es liegt nahe, zu vermuten, dass die meisten dieser Überaktivierungen – nämlich die auf der rechten Hirnhälfte – Ausdruck des Bemühens sind, die Stottersymptome zu überwinden (durch Anstrengung) oder zu vermeiden (durch bewusste Sprechplanung und/oder willentliche Steuerung der Sprechbewegungen).

So viel zur Meta-Analyse der Studien, in denen die Gehirnaktivität von Stotterern mit der von Nichtstotterern verglichen wurde. Zusätzlich wurde eine Meta-Analyse derjenigen Studien durchgeführt, in denen innerhalb der Stotterer-Gruppe verglichen wurde zwischen der Hirnaktivität bei gestottertem Sprechen und bei künstlich herbeigeführtem flüssigen Sprechen (induced fluency). Das flüssige Sprechen wurde meist mit Hilfe eines Metronoms oder durch Lesen im Chor erreicht. In diese Meta-Analyse waren 7 Einzelstudien einbezogen. Das folgende Diagramm zeigt das Ergebnis:

Dateianhang:
Budde2014_Stottern-induzierte Fluessigkeit.gif
Budde2014_Stottern-induzierte Fluessigkeit.gif [ 19.92 KiB | 7638-mal betrachtet ]

Rot = die Hirnregionen, die beim Stottern typischerweise stärker aktiv waren
Blau = die Hirnregionen, die beim flüssigen Sprechen typischerweise stärker aktiv waren
links von Null = linke Hirnhälfte; rechts von Null = rechte Hirnhälfte

Alle blau gekennzeichneten Regionen sind Areale auf dem Temporallappen – sie haben mit dem Hören und dem Verstehen von Sprache zu tun. Dass diese Aktivierungen hier so stark rechtslastig sind, dürfte damit zusammenhängen, dass es sich um künstlich herbeigeführtes flüssiges Sprechen handelte: Beim Lesen im Chor oder beim Sprechen mit Metronom kommt es nicht darauf an, auf den Inhalt zu achten (was gewöhnlich die Aufgabe des linken Temporallappens ist), sondern nur darauf, das Tempo bzw. den Rhythmus zu erfassen (was gewöhnlich Aufgabe des rechten Temporallappens ist.

Die rot markierten Regionen oberhalb der blauen liegen auf der Großhirnrinde und haben mit Sprechplanung, Bewegungssteuerung und Bewegungswahrnehmung zu tun (siehe dazu die Erklärung zum oberen Diagramm). Die rot markierten Regionen unterhalb der blauen sind (mit Ausnahme des Gyrus lingualis, dessen Aktivierung sicher mit dem Lesen zu tun hat) Bereiche des Kleinhirns. Das Kleinhirn hat vermutlich ganz direkt mit dem Auslösen der Sprechunflüssigkeiten zu tun. Die Überaktivierung des Kleinhirns ist häufig mit der Stotterstärke positiv korreliert – also je stärker die Aktivität des Kleinhirns, um so schwerer das Stottern. Umgekehrt kann eine Schädigung des Kleinhirns das Stottern zum Verschwinden bringen – siehe den Bericht von Martina P. im KIESELSTEIN 3/2013, S.46: „Und plötzlich war das Stottern weg.“

Fazit – aus meiner Sicht:

(1) Die viel diskutierten abweichenden Aktivierungen der Basalganglien gehören offenbar nicht zur 'neuralen Signatur des Stotterns'. Allerdings hängen die Basalganglien eng mit dem SMA zusammen, und dessen Überaktivierung – also eine zu starke willentliche Komponente beim Sprechen – ist ein Teil der 'neuralen Signatur des Stotterns' und scheint das eigentliche Problem zu sein.

(2) Auch die viel beachtete Minderaktivierung der Broca-Region, des Zentrums der Sprechplanung und -steuerung im linken inferioren Frontalkortex, gehört nicht zur 'neuralen Signatur des Stotterns'. Stottern resultiert nicht aus einem Mangel an Planung oder Steuerung.

(3) Entscheidend für das flüssige Sprechen scheint die ausreichende Aktivität der Hörregionen zu sein.

Torsten Hesse

_________________
www.stottertheorie.de


Nach oben
 Profil  
 
BeitragVerfasst: Sa Apr 04, 2015 11:09 am 
Offline
User

Registriert: Do Aug 17, 2006 8:46 pm
Beiträge: 115
Wohnort: Pfaffenhofen
Wir wissen immer mehr und können immer weniger.
Ist das wirklich der Sinn von Wissenschaft, dass sie immer mehr "Wissen" produziert und nicht im geringsten dafür sorgt, dass aus dem Wissen auch KÖNNEN wird?
Was hilft alles Wissen, wenn man nicht KANN?
Wissenschaft ohne Könnenschaft ist noch nicht einmal eine halbe Sache.

Ich persönlich habe es immer für unverantwortlich gehalten, Berge von "Wissen" zu produzieren, ohne sich darum zu kümmern, dass daraus auch KÖNNEN wird.
Wenn nämlich nicht KÖNNEN daraus wird, dann wird NICHTKÖNNEN daraus.

Man beschäftigt die Leute mit Diskussionen über Theorien und lenkt damit ab, dass keiner vormachen kann, wie KÖNNEN geht.
Im Club der "Alleswissenden" darf kein KÖNNER auftauchen; Praxis wird bei "Theoretikern" schnell als "unwissenschaftlich" beiseite gedrängt.
Es gibt ja konkrete praktische Beispiele für KÖNNEN im Sprechbereich, etwa von Schernius, Hausdörfer, Coué, Erwin Richter u.a.
Ich finde es erstaunlich, dass man auch hier meist nur die Theorien diskutiert und nicht den praktischen Erfolgswegen folgt um daraus für den eigenen Erfolg zu lernen.
Wenn ich z.B. in Foren ganz einfach nur die aufgewandte Energie für Theoriediskussionen und die aufgewandte Energie für Berichte über praktische Lösungserfahrungen vergleiche, bekomme ich ein interessantes - einseitiges - Ergebnis.

Frei sprechen oder gar sich freisprechen zu können scheint nicht die größte Sehnsucht der meisten Betroffenen zu sein.

Ich grüße freundlich.

Franz Josef Neffe


Nach oben
 Profil  
 
Beiträge der letzten Zeit anzeigen:  Sortiere nach  
Ein neues Thema erstellen Auf das Thema antworten  [ 2 Beiträge ] 

Alle Zeiten sind UTC + 1 Stunde


Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 6 Gäste


Sie dürfen keine neuen Themen in diesem Forum erstellen.
Sie dürfen keine Antworten zu Themen in diesem Forum erstellen.
Sie dürfen Ihre Beiträge in diesem Forum nicht ändern.
Sie dürfen Ihre Beiträge in diesem Forum nicht löschen.
Sie dürfen keine Dateianhänge in diesem Forum erstellen.

Suche nach:
Gehe zu:  
cron
Powered by phpBB® Forum Software © phpBB Group
Deutsche Übersetzung durch phpBB.de