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BeitragVerfasst: Di Jul 19, 2011 9:14 am 
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Registriert: Do Aug 17, 2006 8:46 pm
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Wohnort: Pfaffenhofen
Vor 29 Jahren lernte ich den Sprachtherapeuten Erwin Richter an der Uni München kennen. Ich widmete mich damals schon Jahre der Erforschung der Autosuggestion und er berichtete, dass er sich mit 27 Jahren nach jahrelangen demoralisierenden Heilversuchen endlich mit Coués Autosuggestion von schwerem Stottern befreit habe. Ich fragte ihn, weshalb er eine Methode entwickelt habe, die komplizierter ist als die, mit der er sich selbst geholfen hat. Durch diese Frage wurden wir Freunde.
Erwin Richter hat seine POTENTIA = MACHT verstehen und nutzen gelernt und ist ein Besonders-gut-Sprecher geworden.
Er schickte mich in die Stotterer-Selbsthilfegruppe mit der Autosuggestion. Nach meinem ersten Vortrag ging ich mit ins Gasthaus und setzte mich zu Rudi, der stotterte mit Abstand am besten. Ich bewunderte ihn: "Ich kann bloß reden, Rudi. Du kannst stottern und reden, Du bist mir überlegen!" Rudi lachte. Bald waren wir im schönsten Gespräch. Auf einmal gab es ihm einen Ruck. Mit funkelnden Augen und wackelndem Zeigefinger sagte er: " N, n, nein, s,s,s,soooooo einfach geht das nicht mit Deiner Autosuggestion!"
Mit meiner Autosuggestion, Rudi??? Mit Deiner!!!
Rudi ist auch ein Besonders-gut-Sprecher und ich bin und bleibe ein Fan von ihm. Auch wenn er mich mit dem Glauben an seine guten Talente im Regen stehen lässt.
Ein junger Mann leitete eine SSHG-Versammlung. Er kämpfte mit starken Sprechblockaden. Ich bat ihn um 5 Minuten für ein Experiment und bekam sie. Ich zeigte ihm seine 3 cm Beinlängendifferenz. Dabei war er so extrem verspannt, dass er nicht einmal die Beinmuskeln loslassen konnte. Ich fragte, wann er seinem Gehirn zuletzt was Nettes gesagt habe. Vor einer halben Stunde, sagte er; ich ließ es - und ihn - gelten. Das machen wir gleich nochmal!
Wir machten uns bewusst, was das Gehirn täglich für uns leistet, sprachen ihm Anerkennung und Dank aus. Jetzt durfte er sagen: "Bitte, liebes Gehirn, mach meine zwei Beine sofort gleich lang!" Sein Wunsch wurde erfüllt. Ich zeigte es ihm. Wir waren längst in einem heiteren, flüssigen Gespräch. Er war glücklich. Wenn man glücklich ist, hat die rechte Gehirnhälfte die Führung übernommen und die kann nicht stottern.
Auch dieser junge Mann ist ein Besonders-gut-Sprecher. Er konnte nicht einfach wieder drauflosstottern, er brauchte einige Minuten, bis er sich wieder in seine gewohnten Verhaltensmuster zurückgequält und die linke Gehirnhälfte mit ihren Tonnen an Selbstzweifeln und Verdrängung wieder voll im Griff hatte.
Stotterer leiden oft viel mehr als andere Menschen. Dadurch hätten sie eigentlich tiefe Lebenserfahrung. Ihr Sprechtalent und die beteiligten Persönlichkeitstalente haben sehr viel mitgemacht. Sie wissen überdurchschnittlich viel, sind sensibel, feinfühlig und einfach genial, aber: sie können nicht.
Mit solch erfahrenen Talenten wären sie an sich den meisten überlegen, wenn sie sie nur entfalten, entwickeln und zum Wachsen bringen würden. Aber sie können nicht. Da ist etwas in ihnen, was mehr Macht über sie hat als sie. Irgendein kleines Teufelchen sagt im entscheidenden Moment in ihnen immer: "Ich-kann-nicht." Dieser "Diabolus" kann aber ganz ausgezeichnet; der Stotterer ist es, der nicht kann. Wer macht das wohl die Vorgaben in ihm?
Und wie gescheit dieser "Diabolus" ist! Es gibt kein Problem, über das er nicht alles wissen will. Wenn irgendwo eine wissenschaftliche Studie auftaucht über Stottern auf Federkernmatratzen, muss er sie gelesen haben. Und man hat keine Chance, von ihm anerkannt zu werden, wenn man nicht in der Hierarchie über ihm steht. Er weiß einfach zu genau, dass alles nicht möglich ist.
Was machen Sprechtalente mit so einem internen Trainer nicht alles durch und mit? Sie können in der Tat mehr als andere Talente. Aber sie können es nicht zeigen: sie müssen sich hinter dem Stottern verstecken und verkriechen., sie, die feinsten Talente von allen. Sie werden bedauert aber nicht gestärkt. Sie werden beklagt aber nicht freigesprochen. Manchmal versuchen sie sich selbständig zu machen, selbständiger als der Stotterer ist, aber er geht nicht mit und lässt sie auch nicht weg.
Wenn seine Sprechtalente mal besser sind als er, findet er immer eine Ausrede: Das geht nur wenn er allein ist, oder wenn er in der Badewanne singt - mit dem Lehrer in der Badewanne geht es nicht.
Ist es nicht erstaunlich, wie vielschichtig und genial Talente sich entwickeln können, gerade wenn ihr Gebrauch nicht ganz so genial ist? Aber einmal sollten die so intensiv trainierten Talente mit der tiefen Lebenserfahrung doch zum Zug kommen. Dann müsste man sich hinter sie stellen und zu ihnen stehen, dann müsste man mit ihnen wachsen und ihnen treu sein statt sich für sie zu schämen. Dann müsste man auch als Stotterer dem Besonders-gut-Sprecher in sich freien Ausgang gewähren.
Ich jedenfalls hab besonders viel und gern Respekt für die feinen, sensiblen, noch zu stärkjenden und freizugebenden Sprechtalente der potentiellen Besonders-gut-Sprecher.
Ich grüße sie herzlich.
Franz Josef Neffe

_________________
Immer wenn ich nichts im Kopf habe, ist die Gefahr besonders groß, dass mir was einfällt.
FJN


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